Mein Leben begann 1972 bei einer Mutter, die eine schwere Form der Schizophrenie hatte. Wir lebten von meiner Geburt an, bis ich ein dreiviertel Jahr alt war, in einem Heim für psychisch kranke Mütter. Als meine Großmutter sah, dass ich sehr vernachlässigt wurde, nahm sie mich mit und ich lebte ein weiteres dreiviertel Jahr bei Oma und Opa.

Mein Opa war schwer traumatisiert (Kriegsgefangenschaft) und alkoholkrank und meine Oma depressiv (ihr Vater wurde von den Nazis umgebracht).

So kam es, dass ich zur Pflege gegeben wurde, doch mit dem Ziel mich adoptieren zu lassen. Aber es sollte eine offene Adoption sein, mit Besuchen und Kontakt.
Ich kam also von Oma und Opa direkt in eine neue „Familie“.
Diese Adoptivfamilie bestand aus Mutter, Vater und deren eigenen Kindern.

Diese Eltern liessen sich scheiden, obgleich sie sich nie richtig trennten.
Der Vater war promisk und das war wohl der Grund für die Scheidung. Wohl weniger, dass er kleine Kinder nicht leiden konnte und ihnen wo er nur konnte Leid zufügte.
ALLE haben studiert und später erfolgreich.

Er wurde als Hippie gesehen, der „seine Hände nicht bei sich behalten konnte“- so eine Art „Spinner“ den man doch irgendwie toll fand in Künstlerkreisen und Psychogruppen, die damals besucht wurden, vermutlich auch um die Ehe zu retten, etc..

Als ich nachts nach der „Übergabe“ von meinem Opa mitten in eine völlig fremde Familie schrie von Alpträumen über Totenköpfe und nicht mehr wissen wo ich war – da war ich zwei und drei Jahre alt wurde ich in der Dunkelheit angeschrien.

Ich muss mich immer wieder in den Schlaf gewimmert haben.

Der Adoptivvater quälte Tiere und weidete sich daran.
Es waren wohl auch Katzen darunter, die ich liebte als Kind, die verschwanden und es wohl so, dass er sie auch verspeiste.
Auch musste ich mit ihm als 3 oder 4 Jährige Salamander sammeln, die er umbrachte und einlegte, die lagerten im Keller in so durchsichtigen Gläsern.

Ich wurde von einem Mann  zuhause in der Badewanne unter Wasser gedrückt.
Ich war bis zu 6 Jahre alt.
Ich wurde von einer Gruppe Männer als kleines Mädchen (älter als 4 oder 5 war ich wohl nicht) sexuell missbraucht. Manches sehe ich nicht. Mein Bewusstsein schützt mich, und macht das Tempo mit dem ich umgehen kann.
Ich schwebte weg, als sie das gemacht haben.

Ich wurde oral sexuell missbraucht, ich war bis ca. 7 Jahre alt.
Seither konnte ich viele  Sachen nicht mehr essen.

Er machte mit mir und  zwei anderen, älteren Kindern, gewisse Fessel-„Spiele“.

Er fingerte eigentlich immer herum wenn man in seiner Nähe war. Ich konnte leider immer nur bedröppelt lachen, weil mein Inneres entschied, dass das die beste Reaktion war, da ich spürte, dass er sehr gefährlich werden konnte.

Einige in der Familie waren auch grenzüberschreitend zu mir.

Ich weiss, dass es auch den anderen älteren Kindern der Familie gegenüber sexuelle Gewalt gab.

Wer der Mann in meiner Wieder-Erinnerung ist (ein „Alptraum, den ich oft gehabt habe und wegen dem ich jahrelang kaum schlafen konnte und wollte) der mich nachts überfällt…
ich weisss es bis heute nicht. Wie ich so einiges noch wegschiebe – die Zeit wird es mir zeigen.
Auch viele Misshandlungen und andere Dinge.

Wenn ich meinen leiblichen Großvater besuchte kam es leider auch zu unangenehmen Dingen. Da ich wohl besoffen, als unter 10 Jährige zurückkam, durfte ich nie wieder hin.
Andererseits war er der Einzige von ALLEN, der mir das Gefühl gab mich zu lieben, MICH zu meinen.

Er spielte viele Dinge mit mir nach, die er in Kriegsgefangenschaft erlebt hatte, und ich speicherte seine Erzählungen in mir ab, als hätte ich selbst seine Traumata erlebt.

Meine Verlustangst durch die Adoption, durch das Wegreissen von Oma und Opa, etc… ist natürlich sehr stark. So dass ich mehrere schwerwiegende Traumata habe.

Das Jugendamt hat damals die Adoptivfamilie kaum kontrolliert. Bzw. weiss ich aus meiner Akteneinsicht beim Jugendamt vor Kurzem, dass sogar bekannt war, dass die älteren Kinder früher misshandelt wurden, aber, es reichte dem Jugendamt aus, dass die Adoptivfamilie erzählte, dass sie eine psychologische Gruppe besuchten, und seit einer Weile bei dem Jüngsten der leiblichen Kinder eine andere Erziehung anwenden!
Es sei nun alles ganz anders.

Ich meine, es ist nicht auf mich aufgepasst worden, ich wurde auch ÜBERHAUPT nicht  begleitet vom Jugendamt und auch die Besuche hin und her, da war NIE jemand dabei, ich war allem absolut schutzlos ausgesetzt.

Zumindest würden heute Besuche bei einer leiblichen Familie mit einem alkoholkranken und schwer traumatisierten Hintergrund, unbekannten Freunden der Mutter, etc.. keine Drei oder Vierjährigen mehr alleine hingelassen…hoffe ich jedenfalls.

Ich hätte auch niemals in der adoptierenden Familie belassen werden dürfen!!!

Es gibt noch sehr vieles, das eine Rolle spielt und das passierte und vieles braucht noch Zeit bis ich es benennen kann.

Noch kann ich das nicht so strukturiert beschreiben, weil mein Hirn das noch so unterschiedlich abgespeichert hat.

Mein Leben als Kind bestand daraus, dass ich die Dinge erlebte, die ich erlebte, und dann, wenn Übergriffe stattfanden die Gnade der Dissoziation erfuhr, die mich wegtrug, das heisst, während meines ganzen Lebens, bis langsam nach und nach immer wieder etwas aufbrach, war es als gäbe es nur die helle Seite der Familie und meine ganzen Instinkte und Gefühle wären falsch.

Immer noch ist meine Erinnerung oft verborgen, gibt es blinde Flecken, sind Dinge hinter den Barrieren. Ich habe sehr viele Amnesien, und auch im täglichen Leben, viele Folgen bestehend aus Konzentrationsstörungen, etc.. was mir auf ganzer Linie im ganzem schulischen/beruflichen Bereich sehr viel zu NIchte gemacht hat.

Ich konnte nie Abi machen, war viele Jahre in einer weltanschaulichen Schule isoliert, Mobbing ausgesetzt, jeden Tag über viele Jahre mit Panik und Bauchweh in die Schule und nahm eigentlich dort sowieso nur körperlich teil, weil mein Leben aus ständigem Dissoziieren bestand, was ich erst nach Jahren der Aufarbeitung begriffen habe.

So ging ich ohne Abschluss ab.

Aus dieser Spirale fand ich mit 25 Jahren heraus und lebe seither auch ohne Alkohol zu trinken. Das hat mir quasi ein neues Leben geschenkt. Und als ich 1999 schliesslich noch in eine Therapie kam und von Anfang an auch erkannt wurde, dass ich abspaltete und was los war, begann endlich ein Weg heraus.

Ich war schon mit 19 Mutter geworden, war von Anfang an alleinerziehend und ich war natürlich durch meine Erlebnisse und das Alkohol trinken in einem furchtbaren Leben drin, auch als Mutter.

Da ich seit 1997, seit ich 25 Jahre alt war,  immer in verschiedenen Selbsthilfegruppen war, und bis letztes Jahr in Traumatherapie war ich sehr eingebettet – ohne das, ich wäre nicht mehr da, ich hätte das NIEMALS geschafft.

Das Thema Verjährungsfrist spricht mich sehr an. Ich schließe mich selbst daraus irgendwie immer aus, weil es ja „nur“ der tote Adoptivvater war und die Männer als Kind,  wo ich als Kleine in einem Zimmer war und wusste „jetzt kommt Mann“ und wusste, kein Entrinnen….

Ich habe mich auch Ent-Adoptiert. Ich stehe inzwischen auf meiner Seite und lasse nur noch Solidarität in meine Nähe.

Die Menschen von denen ich meinte, sie liebten mich, haben sich für die Täter entschieden, sich mit ihnen solidarisiert. Woraufhin auch ich mich entschieden habe, nämlich absolut für mich und mein Leben ohne sie. Vielleicht werden sie irgendwann erkennen dass sie selbst Überlebende sind – aber was haben sie alles getan?

Das ist ein grosser Verlust für mich gewesen
und immer wieder tut das verdammt weh – aber, ich bin jetzt von Liebe umgeben und auch ich lasse mich nicht mehr im Stich.

Ich habe zwei Kinder und habe kürzlich meine grosse Liebe geheiratet.

Ich habe sehr viele Folgen, Amnesien, aus dem Körper gehen, Erstarrungen, Stummheit, körperliche Folgen, etc..die es mir extrem schwer gemacht haben, und zwar in jedem Lebensbereich. Ich habe sehr viel für mich erreichen können durch die Therapie, und Selbsthilffegruppen, aber ich muss mit vielem leben das manchmal schwer auszuhalten ist, aber ich bin auf meinem Weg und habe inzwischen immer mehr Zugang zu viel Mut und sehr viel Biss!!

Ich habe total viel Glück gehabt in vielem, das muss ich auch sagen, und konnte meinen Instinkten folgen – für mich das aller aller Wichtigste bis heute, und auch das mich mögen!!

Viel konnte ich zurückgewinnen, vieles ist aber auch noch verborgen und ruht, vieles brauch viel Zeit und viele viele Folgen sind nun einmal da in meinem Leben- und ich lebe damit.

Ich bin sehr kreativ, gehe mit meinen Folgen so kreativ um wie es nur irgend geht. Es gibt viele Einbrüche, Brüche und ich habe viele Probleme auch körperlicher Art durch den geringen Zugang zu meinem Körper was eine direkte  Folge aus den Erfahrungen ist.

Imaginationen,  haben mir die ich sehr bildlich denke, sehr geholfen und spielen eine grosse Rolle in meinem Leben.
Dissoziation wird mich immer begleiten, und in manchen Bereichen geht es gar nicht ohne.
Ohne Dissoziation wäre ich damals vermutlich gestorben.

Oft habe ich das Gefühl es gibt mich nicht, eigentlich mein Grund-Lebensgefühl, nicht wirklich da zu sein. Das wahrzunehmen ist nicht gerade einfach.

Aber, TROTZDEM!

Langsam entwickel ich endlich Wut auf die Täter und ich erlebe sie im Nachhinein. Damals wäre die Wut vielleicht tödlich für mich geendet, auf jeden Fall aber hätte sie alles verschlimmert.

netzwerkB ist für mich wie ein Wunder, und dieses Wunder hat meine volle Unterstützung und ich fühle mich voll unterstützt und lerne Schritt für Schritt aus meiner kindlichen Stummheit, Erstarrung und Anpassung (die mir das Leben rettete) aufzuwachen und zu zeigen wer ich bin und was geschah und mich einzusetzen für mich und Menschen wie mich.

Die Arbeit, der Einsatz von Norbert Denef und den vielen anderen, die Coming outs, der unermessliche Mut und auch der so sehr hilfreiche Zorn beeindrucken mich absolut und ich sehe es hat sich etwas entwickelt, das SO sehr wichtig ist und ich habe keine Worte auszudrücken, WIE gut das ist und WAS das alles bewirkt!

Ich habe so etwas noch nie gemacht, dass ich das hier so öffentlich mache und das ist nicht einfach, es kostet schon sehr viel Mut.

Aber ich sehe es auch als Unterstützung für das netzwerkB an, für andere – denn mir hilft es immer total, wenn andere ihre Geschichte erzählen, das gibt mir sehr viel Mut und Kraft und ein Gefühl von nicht alleine damit sein.
Vielleicht wird es auch für mich eine gute Erfahrung sein, wenn ich merke, dass es nicht schlimm ist. Hoffe ich;-))

DANKE

Realmenschin B.